Die Wildblumenwiesen Kirgisistans sind ein Kleinod Mittelasiens: eine übersehene Zierde. Wenigstens für reisende Fremde.
Tatsächlich feiert das demokratischste der früheren sowjetischen „Stans“ seinen Blumenreichtum mit fast demselben Nationalstolz, den unaufgeklärtere und ungebildetere Länder dafür aufsparen, um gewissermaßen leichtfertig solche Naturwunder zu opfern. Gemäß einer botanischen Webseite sind 22 der 80 weltweit bekannten Tulpenarten in Kirgisistan zu finden. „Holland ist allgemein als der Tulpenstaat schlechthin bekannt“, erwähnt die Seite ärgerlich, „aber das ursprüngliche Tulpenland ist tatsächlich Kirgisistan.“
Ich durchwandere die Welt. Ich habe früher einmal Biologie studiert.
Als ich aus Kirgisistan hinaus wandere und die üppigen Täler der Alai-Berge durchquere, die an den Nachbarstaat Tadschikistan grenzen, strenge ich meinen Kopf an, um mir die naturkundlichen Namen der Blumen ins Gedächtnis zu rufen, die ich Kilometer um Kilometer durchwandere: Mohn. Wicken. Labkraut. Johanniskraut.
Natürlich habe ich diese entzückenden Namen aus der englischen Presse übernommen.
Das Zeitalter der digitalen Medien ist ein anarchistisches Haifischbecken: Da ist es beruhigend zu wissen, dass englische Zeitschriften nicht nur gärtnernde Berichterstatter beschäftigen, sondern sie auch mit weitgefasster Befugnis versehen ins allerfernste Kirgisistan schicken, damit sie für ihre Leser auf einem Pferderücken botanisieren.
(„Unter der heißen Sonne traben wir immer höher hinauf, über weiße Rosen und Felsen, die überfüllt sind von Steinbrech und Glockenblumen.“)
Es ist kein Zufall, dass Evelyn Waugh für den Roman „Scoop“, seine klassische Satire auf die Kriegsberichterstattung, einen sanften Naturschriftsteller mit guten Manieren als seine Hauptfigur wählte.
(„Federfüßig eilt die Feldmaus auf ihrer Nahrungssuche durch den morastigen Sumpf“, schreibt sein Held, der Garten-Kolumnist, der irrtümlicherweise in einem afrikanischen Kriegsgebiet ausgeschifft wird.)
Joldoshbaev's horse is named Jackie Chan.
Paul Salopek
Aber die Blumen Kirgisistans verdienen größere Dichter.
Die üppigen Grasebenen südlich von Sary Mogul branden wie ein Chlorophyll-Meer gegen die hohen, schneebedeckten Gipfel des Pamirgebirges.
Im Manas-Epos, dem 500.000 Verse langen und mindestens tausend Jahre alten kirgisischen Nationalgedicht, macht der Kriegerheld in einer Oase Rast, in der eine Nachtigall 40 Melodien singt und die Blumen in 40 Farben blühen.
Von Yunus Emre, dem türkischen Dichter und Sufi-Mystiker aus dem 13. Jahrhundert, wurde gesagt, er habe jedes Mal „Allah, Allah!“ geflüstert, wenn er an einer Rose roch.
Vor 35.000 bis 45.000 Jahren wurde ein alter Neandertaler mit Blumen begraben: Dies ist einer der ältesten überlieferten Hinweise auf menschliches Mitleid und Mitgefühl.
„Ich habe fast mehr Schönheit gesehen, als ich ertragen kann“, schrieb der junge Poet und Abenteurer Everett Ruess. Als er 1934 die Wüsten im Südwesten der USA durchquerte, verschwand er spurlos.
Fast 3900 Gefäßpflanzen blühen in Kirgisistan. Das ist etwa ein Viertel der Flora der ganzen Vereinigten Staaten, aber auf einem Areal, das 50-mal kleiner ist als die Landfläche der weit ausgedehnteren USA: Das winzige Kirgisistan schenkt der Welt einen grandiosen Blumenstrauß der Biodiversität.
Ich wandere fast 44 Kilometer durch das Alai-Tal. Ich kampiere inmitten von Blumen. Ich sitze, ich koche, ich träume in Blumen. Blüten wehen in meinen Tee, den ich am Abend trinke. Ich wandere blütenstaubbedeckt zum tadschikischen Grenzübergang.
„Wie kommt es, dass es hier so viele Blumen gibt?“, frage ich Eshembay Joldoshbaev, meinen kirgisischen Guide, der voranreitet.
„Faule Schäfer“, sagt Joldoshbaev und zuckt mit den Schultern, ,,zu weit weg, um hier Schafe zu weiden.“
