Die Brücke, die über den lindgrünen Fluss Pandsch bei Ischkaschim in Afghanistan führt, ist eine der großartigen, unserem Blick verborgenen Scharniere unseres noch jungen Jahrhunderts.
Es ist eine ganz einfache Brücke. Gebaut aus grob gemahlenem Beton. Staubig. Kaum benutzt. (Tatsächlich blockiert ein rostiges Tor den Zugang für allerlei Verkehrsmittel von 4 Uhr nachmittags bis späten Morgen.) Und dennoch treffen hier Geschichte – Welten – aufeinander.
An einem Ende der Brücke: Tadschikistan. Russische Sprache. Abgenutzte, alte Ladas. Tödlich starker Vodka verkauft in Plastikflaschen. Kraterlandschaften von Gehwegen. Hosen tragende Mädchen. Reihen von gelben Pappelbäumen. Sowie Telefonnetz und Stromversorgung – all das ein verblasstes Vermächtnis von 70 Jahren Kolonialmacht der Sowjetunion.
Auf der anderen Seite: Afghanistan. Dari, ein persischer Dialekt, ist die offizielle Amtssprache. Verbeulte, alte Toyota Hilux Pick-ups. Alkohol ist verboten. Undeutliche Fahrspuren im Dreck gehen als Fahrbahn durch. Frauen in Burkas trippeln auf den Straßen der Grenzstadt. Weniger Bäume. (Obwohl neu angelegte Plantagen den steinigen Boden sprenkeln.) Und viele, viele Esel.
Young Afghan border guards at a U.S.-funded military base in the Wakhan Corridor.
Paul Salopek
Tadschikische Soldaten in russischer Tarnkleidung, vertieft in einer Trance von Langeweile, stempeln mein Ausreisevisum. Die Afghanischen Truppen, wie eine Amerikanische Spezialeinheit gekleidet, schütteln mir die Hand, als ich ihre Frage, woher ich gelaufen käme, mit "Äthiopien" beantworte. Sie nehmen ein paar Selfies mit ihren Handys auf. Mit fröhlichem Grinsen heißen sie mich im Wachankorridor willkommen.
Der Wachankorridor:
Ein schmaler Landstrich – ein bizarres Anhängsel, ein geografischer Nebengedanke – an einigen Stellen gerade mal 17 Kilometer breit, dringt er mehr als 300 Kilometer aus Afghanistan in eine gewaltige, hohe und zerklüftete Bergwildnis ein, die bis an die weit entfernte Grenze zu China reicht.
Eine künstliche "neutrale Zone", ein Relikt alter Politik, eine wahnwitzige Grenze gezogen 1985 von Diplomaten in den Hauptstädten St. Petersburg (Russland) und London (Großbrittanien), um ihre zentralasiatischen Imperien und Garnisonen voneinander zu trennen.
Eine lichtdurchflutete Welt aus Gletschern. Eine weitgehend straßenlose, zu Fuß zu begehende Landschaft aus leuchtenden Bergwiesen. Bergkämme samt 6.000 Meter hohen Gipfeln. Eine biologische Arche wimmelnd von Marco-Polo-Schafen, von Steinböcken, von Schneeleoparden.
Und letzten Endes ein vergessener Winkel des Erdglobus, so unvorstellbar abgeschieden, dass er schon seit Langem Legenden von verloren gegangenen und abgeschnittenen Völkern hervorbringt: eine dünn besiedelte, handgefertigte Landschaft aus Lehmziegelhütten, bachbetriebenen Wassermühlen, biblisch gepflügten Feldern, mittelalterlichen Musikinstrumenten und antiken Schreinen, die Āstān heißen, dekoriert mit Schafhörnern. Die neusten Versionen dieses Shangri-La-Fantasiebildes: Die Presse berichtet, dass die lokale, ethnische Gruppe der Wakhi – Bauern, die eine gemäßigte Variante des schiitischen Islams namens Ismailismus praktizieren – nicht einmal wisse, dass Krieg in ihrem Land herrscht. (Sie wissen es.)
Young Afghan border guards at a U.S.-funded military base in the Wakhan Corridor.
Paul Salopek
Tadschikische Soldaten in russischer Tarnkleidung, vertieft in einer Trance von Langeweile, stempeln mein Ausreisevisum. Die Afghanischen Truppen, wie eine Amerikanische Spezialeinheit gekleidet, schütteln mir die Hand, als ich ihre Frage, woher ich gelaufen käme, mit "Äthiopien" beantworte. Sie nehmen ein paar Selfies mit ihren Handys auf. Mit fröhlichem Grinsen heißen sie mich im Wachankorridor willkommen.
Der Wachankorridor:
Ein schmaler Landstrich – ein bizarres Anhängsel, ein geografischer Nebengedanke – an einigen Stellen gerade mal 17 Kilometer breit, dringt er mehr als 300 Kilometer aus Afghanistan in eine gewaltige, hohe und zerklüftete Bergwildnis ein, die bis an die weit entfernte Grenze zu China reicht.
Eine künstliche "neutrale Zone", ein Relikt alter Politik, eine wahnwitzige Grenze gezogen 1985 von Diplomaten in den Hauptstädten St. Petersburg (Russland) und London (Großbrittanien), um ihre zentralasiatischen Imperien und Garnisonen voneinander zu trennen.
Eine lichtdurchflutete Welt aus Gletschern. Eine weitgehend straßenlose, zu Fuß zu begehende Landschaft aus leuchtenden Bergwiesen. Bergkämme samt 6.000 Meter hohen Gipfeln. Eine biologische Arche wimmelnd von Marco-Polo-Schafen, von Steinböcken, von Schneeleoparden.
Und letzten Endes ein vergessener Winkel des Erdglobus, so unvorstellbar abgeschieden, dass er schon seit Langem Legenden von verloren gegangenen und abgeschnittenen Völkern hervorbringt: eine dünn besiedelte, handgefertigte Landschaft aus Lehmziegelhütten, bachbetriebenen Wassermühlen, biblisch gepflügten Feldern, mittelalterlichen Musikinstrumenten und antiken Schreinen, die Āstān heißen, dekoriert mit Schafhörnern. Die neusten Versionen dieses Shangri-La-Fantasiebildes: Die Presse berichtet, dass die lokale, ethnische Gruppe der Wakhi – Bauern, die eine gemäßigte Variante des schiitischen Islams namens Ismailismus praktizieren – nicht einmal wisse, dass Krieg in ihrem Land herrscht. (Sie wissen es.)
On the remote Tajikistan-Afghanistan border, a wild river divides 19th-century wheat-threshing practices from Neolithic four-legged ones.
Video by Paul Salopek
Zum ersten Mal seit 15 Jahren habe ich wieder einen Fuß in Afghanistan gesetzt.
Als die Sohlen meiner Stiefel Afghanischen Boden das letzte Mal als Reporter berührten, balancierte ich in Spuren hinterlassen von polternden Panzern, um Landminen zu vermeiden. Ich kroch bäuchlings, um Maschinengewehrfeuer zu vermeiden. Ich schritt um die Kuppel vollkommener Stille, die üblicherweise kürzlich Verstorbene umgibt.
Der Wachankorridor mit seinen friedlichen, umherschaukelnden Reihen reifender Weizenähren, mit seinen fröhlichen, blonden, schmuddeligen Kindern, mit seinen nichtvorhandenen Waffen, ist kein Land der Erinnerung.
Ich blinzle hypnotisiert der Ruhe dieses Ortes, seiner intensiven Schönheit entgegen. Eine Oase der Stille beginnt in meinem Herzen aufzublühen.
Wir machen uns auf den Weg, mein neuer Reiseführer, Inayat Ali, und ich, in den Hufspuren zweier Packesel zu dem weit entfernten Karakorumgebirge in Pakistan. Wir winken tagträumenden Wakhi-Bauern, die ihre Ernte in neolithischer Tradition dreschen und ihre Oxen in engen Kreisen über den Weizen treiben. Zehn Sekunden pro Rotation – herum und herum drei Tage lang. Mehr als 8.000 Kreise für einen Laib Brot. Sie winken, aber anhalten tuen sie nicht. Durch die Erfindung der Landwirtschaft 12.000 Jahre lang an ein Tal gebunden, wandern wir weiter.
