"Die Farbe ist der Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen."
--Paul Klee
Können Farben die Sinne berauschen? Ist es möglich, sich mit Licht zu betrinken?
In der Arktis bin ich einmal nach einem Blizzard aufgewacht und befand mich in einer weiten Ebene wolkenähnlichen Schnees. Die Erde sah so dunstig und körperlos aus wie Gas. Die echten Wolken darüber wirkten so viel dichter und fester, ein Himalaya aus zerknitterten weißen Gipfeln, Bergrücken, Schluchten und Tälern. Mir war schwindelig, so als würde ich auf dem Kopf stehen mit den Füßen im Himmel und auf die Oberfläche der materiellen Welt hinauf schauen. Licht verzaubert eine solche Situation. In Umbrien, in New Mexico und in den Regenwäldern des Kongo. All diese Orte sind für ihre Leuchtkraft bekannt. Keiner besitzt jedoch auch nur ein Photon des Wachankorridors in Afghanistan.
Schwarz
Der graue Packesel heißt Khayr Barakat, was Güte, Wohl, Glück oder auch Segen heißt. Der dunkelgraue Esel heißt Shar Barakat, was Bosheit, Verderbtheit oder auch Fluch bedeutet. Shar beißt Khayr. Shar jagt jeden anderen Esel im Hindukusch. Hundertmal am Tag schreit Shar wie ein Nebelhorn und kündigt uns so jedem Wakhi-Hof, jedem Nomadenlager, all den goldenen Bergen Afghanistans und dem Universum an. Ich wandere um die Welt. Kamele, Pferde, Maultiere, Esel -- große Lebensgeister -- ermöglichen meine lange Reise. Shar und Khayr fressen mir harte Brotstücke aus der Hand. Im Lager in der Nähe des auf 16.000 Fuß (ca. 4.880 Meter) gelegenen Irshad-Passes, einem abgeschiedenen, vom Wind in Form gesägten Tor nach Pakistan, friert der erste Wintersturm meine Kleidung im Zelt ein. Ich mache den Reißverschluss des Zelts ein Stück auf: Verschwommen im Schnee stehen Shar und Khayr in der weißen Nacht und werden von Windböen gepeitscht. Ich krieche hinaus in den Sturm. Ich versuche, die Esel in umherschlagende Schutzdecken einzuhüllen. Shars Augen: zwei Löcher im Gefüge der Welt, schwärzer als schwarz. Sie saugen allles Licht auf und offenbaren nichts.
Noch nie habe ich ein wildes Tier gesehen, das Mitleid mit sich selbst hatte. Ein kleiner Vogel, der erfroren ist, wird tot von seinem Ast fallen, ohne jemals Selbstmitleid empfunden zu haben.
Lawrence schrieb dies kurz vor seinem Tod.
Shar Barakat (left); Khayr Barakat (right).
Paul Salopek
Grün
Die Augen des alten Mannes leuchten gelbgrün. Die verschwundene Tethyssee muss so geglänzt haben.
Solche Iris könnten von überall her in den Wachankorridor migriert sein. Afghanistans entlegenste Ecke, die heutzutage kaum von Außenstehenden besucht wird, war jahrtausendelang eine Kreuzung für Reisende: eine hohe, kalte Bergtür zwischen den oasenähnlichen Stadtstaaten Westchinas und den üppigen Granatapfelhainen Badachschans. Man vermutet, dass die Generäle Alexander des Großen vor rund 2.300 Jahren ihre DNA in die Wachanregion gebracht haben. (Die Tadschiken nehmen Roxane, die Frau des Eroberers, für sich in Anspruch.) Kujula Kadphises, der Große Kushan, eroberte den Wachankorridor im ersten Jahrhundert n. Chr. und hinterließ einige Festungen, deren Ruinen bis heute stehen. Der buddhistische Pilger Xuangzan durchquerte das Gebiet im Jahr 644 n. Chr. Er berichtete von Drachen, die im Zorkulsee schwammen. Marco Polo bewunderte die Spinelle der Region. Als sich die Spione und rivalisierenden Entdecker Oberst Yanov und Captain Younghusband 1891 zufällig im trostlosen Wachankorridor begegneten, veranstalteten sie ein Festmahl mit Wild und Wodka und stießen abwechselnd auf Französisch auf Königin Victoria und den Zar Russlands an. (Ihre Regierungen bewegten sich zu diesem Zeitpunkt auf Krieg zu.)
Villagers head to a reforestation project.
Paul Salopek
Durch 20.000 Fuß (ca. 6.100 Meter) hohe Gipfel vor der Gewalt der Taliban geschützt, ist der Wachan-Korridor ein älteres, abgetretenes, friedliches, durch Lichteinwirkung verschleiertes Afghanistan.
Die Menschen, die hier leben, größtenteils ismailitische Schiiten, schultern morgens keine Kalaschnikow, sondern Spaten, um Bewässerungskanäle zu reparieren. Die Löcher, die die Männer graben, sind nicht für improvisierte Sprengkörper gedacht, sondern für Fallen, damit die seltenen Schneeleoparden mit Halsbändern mit integriertem Peilsender versehen werden können. Frauen verschleiern sich nicht aus religiösen Gründen, sondern um sich vor dem Rauch ihrer Lehmbacköfen zu schützen.
Der alte Mann heißt Khalifa Beg Ali. Er lebt in dem gemauerten Dörfchen Ouzed. Er staunt über das Ergrünen des felsigen Wachankorridors infolge der Wiederaufforstungsprojekte und des Klimawandels. Er macht sich über die schwachen Jugendlichen lustig, die neue, in Geschäften gekaufte Lebensmittel essen und über die mühevolle Landarbeit meckern.
"Die Welt wird jünger," sagt Ali und lacht gackernd. "Und die Leute werden älter."
Gelb
Im Herbst leuchten die hohen Weideflächen der Wachankorridors grellgelb.
Umbragelb. Pantone. Goldgelb. Orangegelb. Kanariengelb. Quer über diese Leinwand, die in feurigen Farben trocknende Berggräser und eingehende Edelweiße abbildet, ziehen sich 37 Jahre alte Panzerspuren, die die Sowjets bei ihrem Einmarsch hinterlassen haben.
Villagers head to a reforestation project.
Paul Salopek
Durch 20.000 Fuß (ca. 6.100 Meter) hohe Gipfel vor der Gewalt der Taliban geschützt, ist der Wachan-Korridor ein älteres, abgetretenes, friedliches, durch Lichteinwirkung verschleiertes Afghanistan.
Die Menschen, die hier leben, größtenteils ismailitische Schiiten, schultern morgens keine Kalaschnikow, sondern Spaten, um Bewässerungskanäle zu reparieren. Die Löcher, die die Männer graben, sind nicht für improvisierte Sprengkörper gedacht, sondern für Fallen, damit die seltenen Schneeleoparden mit Halsbändern mit integriertem Peilsender versehen werden können. Frauen verschleiern sich nicht aus religiösen Gründen, sondern um sich vor dem Rauch ihrer Lehmbacköfen zu schützen.
Der alte Mann heißt Khalifa Beg Ali. Er lebt in dem gemauerten Dörfchen Ouzed. Er staunt über das Ergrünen des felsigen Wachankorridors infolge der Wiederaufforstungsprojekte und des Klimawandels. Er macht sich über die schwachen Jugendlichen lustig, die neue, in Geschäften gekaufte Lebensmittel essen und über die mühevolle Landarbeit meckern.
"Die Welt wird jünger," sagt Ali und lacht gackernd. "Und die Leute werden älter."
Gelb
Im Herbst leuchten die hohen Weideflächen der Wachankorridors grellgelb.
Umbragelb. Pantone. Goldgelb. Orangegelb. Kanariengelb. Quer über diese Leinwand, die in feurigen Farben trocknende Berggräser und eingehende Edelweiße abbildet, ziehen sich 37 Jahre alte Panzerspuren, die die Sowjets bei ihrem Einmarsch hinterlassen haben.
Golden afternoons in the Wakhan.
Paul Salopek
Gelb ist die Farbe der Veränderung, des Übergangs, der Entschleunigung. Und dabei nicht nur bezogen auf die Jahreszeiten:
Die knochigen Finger des Wachan-Schäfers, der in einer Jurte in einem Schafslager lächelnd meine durchfrorenen Füße massiert, sind verschmutzt und durch Opium von einem dunklem, aschfahlem Gelb. Von Badachschan aus wird die Droge in Gläsern gehandelt. Die einheimischen Hirten verlieren ihre Tiere und Ländereien an das Rauschmittel. Einige kirgisische Nomaden im Kleinen Pamir, einem breiten, grasbewachsenen Trogtal, blasen Rauch in die Gesichter ihrer Babys. Das mildert die Kälte und den Hunger in den langen Winternächten im Wachankorridor. Die wahren Abhängigen suchen nicht die Linderung solcher Unannehmlichkeiten. Sie sehnen sich nach der Vergänglichkeit, der enger werdenden Gelbphase, des Opiums selbst.
Rot
White: up to Irshad Pass.
Paul Salopek
Borges schrieb, "In Queretaro sah ich einen Sonnenuntergang, der die Farbe einer Rose in Bengalen widerzuspiegeln schien."
Hoch oben auf den vereisten Zugangswegen zum Irshad-Pass, auf Pfaden, die die Hufe von Yak-Karawanen in den Steilhang gearbeitet haben, starre ich auf kleine rote Akzente auf der Felswand.
Ich erinnere mich an einen ähnlichen Hauch von Zinnoberrot vor fast 16 Jahren in einem Dorf namens Rabar, das auf dem Shomali-Plateau außerhalb Kabuls liegt. Solangi-Truppen näherten sich den Stellungen der Taliban. Ein Soldat, der ein Haus ausrauben wollte, trat auf eine Antipersonenmine, die an der Türschwelle angebracht worden war. Er verlor beide Füße in einer kreisrund aufgehenden purpurroten Blüte. Wir halfen dabei, ihn ein Stück des Weges zurück durch die Linien zu tragen, aber ich bezweifele, dass er durchgekommen ist. Viele Solangi zogen händehaltend in den Kampf, so fest wie es Menschen tun, die sich von Gebäuden stürzen.
Die runden roten Klümpchen auf den Pfaden im Wachankorridor sind Wilder Rhabarber. Aus der Nähe betrachtet glänzen die großen regenschirmähnlichen Blätter wie Teiche aus Kupfer.
Goldsilber
Tröpfchenweise überqueren noch Menschen die Grenze zwischen Afghanistan und dem Norden Pakistans, die aus wilder Gebirgslandschaft besteht.
Die meisten von ihnen sind Wakhi- oder kirgisische Hirten. Grenzen sind ihnen egal, wenn sie Pässe wie den Irshad-Pass erklimmen, um die fettesten Yaks der Welt gegen Säcke voll Reis, Kleidung, Solarpanels oder sogar kleine Motorräder zu tauschen, und all dies wird auf dem Rückweg auf den Packyaks festgeschnallt.
Der Fotograf Matthieu Paley und ich erreichen den Irshad-Pass in goldsilbrigem Licht: ein schwaches, legiertes Licht, so zart und doch so hart. Wie Seide legt es sich auf meine Haut. Ich atme das reine Licht ein -- und wie Rasierklingen schneidet es in mein Herz.
White: up to Irshad Pass.
Paul Salopek
Borges schrieb, "In Queretaro sah ich einen Sonnenuntergang, der die Farbe einer Rose in Bengalen widerzuspiegeln schien."
Hoch oben auf den vereisten Zugangswegen zum Irshad-Pass, auf Pfaden, die die Hufe von Yak-Karawanen in den Steilhang gearbeitet haben, starre ich auf kleine rote Akzente auf der Felswand.
Ich erinnere mich an einen ähnlichen Hauch von Zinnoberrot vor fast 16 Jahren in einem Dorf namens Rabar, das auf dem Shomali-Plateau außerhalb Kabuls liegt. Solangi-Truppen näherten sich den Stellungen der Taliban. Ein Soldat, der ein Haus ausrauben wollte, trat auf eine Antipersonenmine, die an der Türschwelle angebracht worden war. Er verlor beide Füße in einer kreisrund aufgehenden purpurroten Blüte. Wir halfen dabei, ihn ein Stück des Weges zurück durch die Linien zu tragen, aber ich bezweifele, dass er durchgekommen ist. Viele Solangi zogen händehaltend in den Kampf, so fest wie es Menschen tun, die sich von Gebäuden stürzen.
Die runden roten Klümpchen auf den Pfaden im Wachankorridor sind Wilder Rhabarber. Aus der Nähe betrachtet glänzen die großen regenschirmähnlichen Blätter wie Teiche aus Kupfer.
Goldsilber
Tröpfchenweise überqueren noch Menschen die Grenze zwischen Afghanistan und dem Norden Pakistans, die aus wilder Gebirgslandschaft besteht.
Die meisten von ihnen sind Wakhi- oder kirgisische Hirten. Grenzen sind ihnen egal, wenn sie Pässe wie den Irshad-Pass erklimmen, um die fettesten Yaks der Welt gegen Säcke voll Reis, Kleidung, Solarpanels oder sogar kleine Motorräder zu tauschen, und all dies wird auf dem Rückweg auf den Packyaks festgeschnallt.
Der Fotograf Matthieu Paley und ich erreichen den Irshad-Pass in goldsilbrigem Licht: ein schwaches, legiertes Licht, so zart und doch so hart. Wie Seide legt es sich auf meine Haut. Ich atme das reine Licht ein -- und wie Rasierklingen schneidet es in mein Herz.
Irshad Pass—the electrum frontier between Afghanistan and Pakistan.
Paul Salopek
Es gibt Landschaften, bei denen man das Gefühl hat, dass man sein ganzes Leben lang auf sie zugewandert ist, und das wird einem erst klar, wenn man sie bereits verlassen hat. Der Wachankorridor ist ein solcher Ort. Er ist ein Land voller Licht.
Als wir zum Pakistani Basislager absteigen, warten Sicherheitskräfte auf uns. Es gibt ein Problem mit unseren Papieren. Wir werden gebeten, Pakistan zu verlassen und über die Hauptstadt Islamabad wiedereinzureisen, und werden dabei höflicher behandelt als ein Pakistani es würde, der bei dem Versuch, ohne die nötigen Dokumente in mein Land einzureisen, aufgegriffen wird. Ich tue dies, indem ich nach Abu Dhabi und wieder zurück fliege -- mein erster Auslandsflug, seit ich vor fast fünf Jahren begonnen habe, um die Welt zu wandern. In der glühend heißen arabischen Stadt lande ich in Schneehose und Parka mit Schlammspritzern von einem verschneiten Bergpass im Hindukusch. Und als ich in der klinisch weißen Flughafenbeleuchtung vor der Passkontrollkabine stehe, erinnere ich mich an den strahlenden goldsilbernen Schein, durch den ich auf dem Irshad-Pass geschritten bin: die Art Licht, durch das man schreitet, wenn man ein neues Land mit seinen Menschen betritt.
