„Sie kommen in unser Lager und wir teilten unser Essen mit ihnen und sie konnten ihre Augen nicht von den Messern abwenden. Am nächsten Tag brachten sie uns ganze Herden von Pferden ins Lager, um zu handeln. Wir wussten nicht, was sie wollten. So, wie sie waren, hatten sie ihre eigenen Messer. Aber was es war, Sehen Sie, war, dass sie noch niemals zuvor zersägte Knochen in einem Schmortopf gesehen hatten.” — Cormac McCarthy, „Blutmeridian: Oder Die Abendröte im Westen“
Wir stehen in einem fernen Canyon in den Bergen von Kirgisistan. Die Schlucht öffnet sich in eine fahle, dürre Ebene, die einst kreuz und quer von langen Kamelreihen durchzogen wurde. Kubatbek Tabaldjev neigt sich hin zu einer Mauer aus schwarzem Stein. Die Mauer ist übersät mit eingeritzten Bildern von Jägern mit Pfeil und Bogen, Steinböcken, Schafen, runenartigen Inschriften. Kubatbek Tabaldjev küsst diese harte Leinwand. Er grinst. Archäologen können so sein.
„Das ist einer meiner Lieblingsplätze“, sagt Tabaldjev, ein Professor an der Kirgisisch-Türkischen Manas Universität, „ich liebe es hierherzukommen, um aus der Stadt herauszukommen.“
The oldest cut: A stone tool at Ak-Olon.
Paul Salopek
Er hat uns zu einer steinzeitlichen Werkstatt gebracht. Sie ist 14.000 Jahre alt. Der Boden ist übersät von Bruchstücken scharfer blattähnlicher Steinabschläge, die bei der Herstellung von Projektilspitzen übriggeblieben waren, von Steinkernen, von denen die Steinblätter ab gehämmert worden waren, von fertiggestellten Schabern, Faustkeilen und Hacken aus der werkzeugmachenden Moustérien-Kultur.
Ich wandere über die Erde, entlang den Pfaden der Menschen, die zuerst die Welt entdeckten. Kleine Gruppen von diesen Jägern begannen, durch Asien zu wandern: vor dreißig- bis siebzigtausend Jahren, ein für uns grundlegendes Weltalter, lange vor der Erfindung von Film und Ton, verloren ans Vergessen.Blieb was von dieser Heldenreise? Ein Abglanz? Ein Flackern? Ein Echo?
Sehr wenig. Meist hat es die Form einer Klinge.
Die Menschheit wurde mit einem scharfen Werkzeug in ihrer Hand geboren. Die brüchigen Ränder von einem Steinmesser öffneten mit einem Schnitt die Wirksamkeit, Nutzbarkeit und Energie von ganzen neuen Ökosystemen für den Homo Sapiens. Wir schnitten uns unseren Weg durch die Sehnen und Muskeln eines unbekannten Planeten. Einige der ältesten Steinwerkzeuge der Welt sind in Gona in Äthiopien gefunden worden. Sie waren von Vormenschen hergestellt worden und
sind auf ein Alter von 2,6 Millionen Jahren geschätzt und datiert worden. Ich wanderte vor vier Jahren durch Gona. Ich bin über 9656 Kilometer dem verschwindend schwachen Pfad der Steinfragmente gefolgt.
„Ich bin nicht sehr gut darin“, sagt Tabaldjev, und hebt einen Hammerstein an, um zu zeigen, wie man eine neue frische Schneide von einem Steinklumpen abspaltet. Nach drei Schlägen zersplittert sein Hammer in Einzelstücke.
Fast niemand ist heut' gut darin. Noch immer ist die Schneide da, im Gedächtnis.
* * *
„Ein Mann ist nur so stark, wie sein Messer scharf ist.“
Ein mexikanischer Cowboy sagte mir dies, als ich ein junger Mann war.
Wir saßen um ein Lagerfeuer in der Sierra Madre. Es war Abend. Er zog sein Messer aus einer Gürtelscheide. Er reichte es übers Feuer. Es war ein Gegenstand voller Schönheit. Die Klinge war handgeschmiedet: aus der Radaufhängung eines Autos, und sie war an einem Hirschhorngriff befestigt. Ich zog mein billiges Klappmesser aus meiner Tasche. Es hatte Erdnussbutter an der Klinge. Ich reichte es nicht übers Feuer. Ich klappte es zusammen und steckte es weg.
* * *
Die schärfste wissenschaftlich bekannte Klinge ist die steinerne.
Die Handelsware „Klinge aus Obsidian“, einem vulkanischen Gesteinsglas, das die prähistorischen Jäger vorzugsweise für die Herstellung von Messern und Projektilspitzen verwendeten, ist eigentlich nur ein dichtes Teil aus einer einzigen molekularen Verbindung.
* * *
Genetiker, die den Bevölkerungsumfang durch die Epochen der Menschheitsgeschichte untersuchen, sagen, dass in Südasien zwischen 35. 000 und 28.000 Jahren vor heute etwas Merkwürdiges passierte: Die Zahl der Menschen, die in der Landschaft lebte, stieg an: Es war ein regelrecht spektakuläres steinzeitliches Bevölkerungswachstum.
Die Ursache für diese örtliche vorgeschichtliche Bevölkerungsexplosion des Homo Sapiens ist bisher ein Geheimnis geblieben. Aber die Forscher Michael Petraglia von der Universität Cambridge in England und Ravi Korisettar von der Universität Karnatak im indischen Dharwad haben eine Theorie: Das Wachstum fällt zusammen mit dem plötzlichen Auftreten von Feuersteingeräten im örtlichen archäologischen Boden: äußerst qualitätvolle 3,81 Zentimeter lange Steinklingen. Diese Klingen können erneuert und häufig für eine Wiederverwendung umgearbeitet werden. Das ist eine Neuerung, die den Jagderfolg erhöhte. Die Leute aßen mehr: und vermehrten sich.
* * *
Die ersten nicht steinernen Klingen waren aus reinem Kupfer. Danach aus Bronze.
Das Gilgamesch-Epos stammt aus der Bronzezeit. Es war vor über 4000 Jahren auf Tontafeln geschrieben worden. Er erzählt, wie König Gilgamesch auf der Jagd nach Ruhm, gegen Huwawa kämpft, einen Dämon, der die Heimat der Götter bewacht: den Zedernwald im Libanon. Huwawa wird besiegt. Er kniet und bittet um sein Leben. Aber angestachelt von seinem Gefährten, dem wilden Mann Enkidu, zeigt König Gilgamesch kein Erbarmen. Er schlägt Huwawa den Kopf ab. Dann wenden Gilgamesch und Enkidu ihre Metallklingen gegen die Natur. Sie fällen den heiligen Wald.
Bevor Huwawa stirbt, verflucht er Enkidu: „Von euch zwei'n soll Enkidu nicht länger leben, soll Enkidu nicht Frieden finden in der Welt!“
* * *
Die einfachsten jemals erfundenen Schneidewerkzeuge, die nach ihrem Fundort in der tansanischen Olduvai-Schlucht benannt sind, wurden 700.000 Jahre verwendet. Dann, vor etwa 1,7 Millionen Jahren, geschah etwas Seltsames. Eine viel ausgefeiltere und höher entwickelte Werkzeugkultur brach in den Horizont der Artefakte. Sie heißt nach ihrem französischen Fundort „Acheuléen“ und ist leicht zu erkennen an ihren wunderschönen tränenförmigen Faustkeilen. Sie prägte den menschlichen Schöpfergeist für erstaunliche eine Million Jahre.
Experten haben solche technischen Fortschritte immer mit wachsenden geistigen Fähigkeiten unserer frühmenschlichen Vorfahren in Verbindung gebracht.
Aber verbesserten die Hominiden lediglich Klingen? Oder „verbesserte“ der Akt des Klingen-Herstellens in Wirklichkeit die Menschheit?
Eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern, Psychologen, Evolutionsbiologen und Archäologen, führten vor Kurzem an der Universität von Kalifornien ein großes Praxisexperiment zur Steinwerkzeugherstellung durch. Dazu hatten sie 180 Studenten angestellt. Sogar für die Herstellung der gröbsten Werkzeuge sind ausgeklügelte Methoden erforderlich. Die Wissenschaftler teilten die Studenten, allesamt Neulinge in der Steinbearbeitung, in verschiedene Gruppen ein und betrauten sie mit der Weitergabe der Bearbeitungstechniken. Eine sorgfältige Analyse der von den Studenten erlernten Fertigkeiten wies darauf hin, dass die Werkzeugherstellung vielleicht die Entwicklung der menschlichen Sprache vorangetrieben hatte. Menschen machen Werkzeuge. Und Werkzeuge machen Menschen.
„Unsere Forschungsergebnisse legen nahe, dass Steinwerkzeuge nicht nur ein Erzeugnis der menschlichen Evolution waren, sondern sie auch tatsächlich vorantrieben, dass sie einen evolutionären Vorteil erzeugten, der wesentlich war für die Entwicklung von moderner menschlicher Sprache und Lehrfähigkeit“, sagt Thomas Morgan, der Forschungsleiter an der Universität von Kalifornien in Berkley: „Um die Acheuléen-Technologie aufrechtzuerhalten, musste eine Art von Unterweisen fortbestehen, und vielleicht sogar eine Art von Sprache, wenn auch nur eine einfache Protosprache.“
Vielleicht waren unter den ersten Wörtern, die jemals auf dem Planeten Erde gesprochen wurden, Anweisungen zum Schärfen einer Steinkante: „Schlag hier, schlag dort, ja, nein.“
* * *
Wir sind im Canyon.
Der Archäologe Kubatbek Tabaldjev schlägt Steinklingen heraus. So auch Sergej Gnezdilov.
Gnezdilov ist mein Mitwanderer in Kirgisistan. Er ist mit uns zu dem alten Werkstattplatz gezogen. Er ist ein humorvoller Bergsteiger. Er kauert sich hin und schlägt Stein um Stein ab: mit all der Stärke und Präzision eines Mannes,
der Kletterhaken in eine Bergwand eintreibt. Er prüft die Kraft von jedem Schlag. Er verändert die Einschlagwinkel.
Wer hat das nicht mit Felsbrocken gemacht und sogar wie ein Kind gespielt? Es ist unwiderstehlich. Seltsam zufriedenstellend.
Und der Klang ist sehr, sehr alt.
Tock! Tock! Tock!
Die Einschläge hallen von den Schluchtwänden wider. Ich schaue hinunter ins Tal. Ich lausche. Das Tal bleibt leer.
„Endlich Erfolg“, hör' ich Gnezdilov sagen, „meine Hände bluten.“
The oldest cut: A stone tool at Ak-Olon.
Paul Salopek
Er hat uns zu einer steinzeitlichen Werkstatt gebracht. Sie ist 14.000 Jahre alt. Der Boden ist übersät von Bruchstücken scharfer blattähnlicher Steinabschläge, die bei der Herstellung von Projektilspitzen übriggeblieben waren, von Steinkernen, von denen die Steinblätter ab gehämmert worden waren, von fertiggestellten Schabern, Faustkeilen und Hacken aus der werkzeugmachenden Moustérien-Kultur.
Ich wandere über die Erde, entlang den Pfaden der Menschen, die zuerst die Welt entdeckten. Kleine Gruppen von diesen Jägern begannen, durch Asien zu wandern: vor dreißig- bis siebzigtausend Jahren, ein für uns grundlegendes Weltalter, lange vor der Erfindung von Film und Ton, verloren ans Vergessen.Blieb was von dieser Heldenreise? Ein Abglanz? Ein Flackern? Ein Echo?
Sehr wenig. Meist hat es die Form einer Klinge.
Die Menschheit wurde mit einem scharfen Werkzeug in ihrer Hand geboren. Die brüchigen Ränder von einem Steinmesser öffneten mit einem Schnitt die Wirksamkeit, Nutzbarkeit und Energie von ganzen neuen Ökosystemen für den Homo Sapiens. Wir schnitten uns unseren Weg durch die Sehnen und Muskeln eines unbekannten Planeten. Einige der ältesten Steinwerkzeuge der Welt sind in Gona in Äthiopien gefunden worden. Sie waren von Vormenschen hergestellt worden und
sind auf ein Alter von 2,6 Millionen Jahren geschätzt und datiert worden. Ich wanderte vor vier Jahren durch Gona. Ich bin über 9656 Kilometer dem verschwindend schwachen Pfad der Steinfragmente gefolgt.
„Ich bin nicht sehr gut darin“, sagt Tabaldjev, und hebt einen Hammerstein an, um zu zeigen, wie man eine neue frische Schneide von einem Steinklumpen abspaltet. Nach drei Schlägen zersplittert sein Hammer in Einzelstücke.
Fast niemand ist heut' gut darin. Noch immer ist die Schneide da, im Gedächtnis.
* * *
„Ein Mann ist nur so stark, wie sein Messer scharf ist.“
Ein mexikanischer Cowboy sagte mir dies, als ich ein junger Mann war.
Wir saßen um ein Lagerfeuer in der Sierra Madre. Es war Abend. Er zog sein Messer aus einer Gürtelscheide. Er reichte es übers Feuer. Es war ein Gegenstand voller Schönheit. Die Klinge war handgeschmiedet: aus der Radaufhängung eines Autos, und sie war an einem Hirschhorngriff befestigt. Ich zog mein billiges Klappmesser aus meiner Tasche. Es hatte Erdnussbutter an der Klinge. Ich reichte es nicht übers Feuer. Ich klappte es zusammen und steckte es weg.
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Die schärfste wissenschaftlich bekannte Klinge ist die steinerne.
Die Handelsware „Klinge aus Obsidian“, einem vulkanischen Gesteinsglas, das die prähistorischen Jäger vorzugsweise für die Herstellung von Messern und Projektilspitzen verwendeten, ist eigentlich nur ein dichtes Teil aus einer einzigen molekularen Verbindung.
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Genetiker, die den Bevölkerungsumfang durch die Epochen der Menschheitsgeschichte untersuchen, sagen, dass in Südasien zwischen 35. 000 und 28.000 Jahren vor heute etwas Merkwürdiges passierte: Die Zahl der Menschen, die in der Landschaft lebte, stieg an: Es war ein regelrecht spektakuläres steinzeitliches Bevölkerungswachstum.
Die Ursache für diese örtliche vorgeschichtliche Bevölkerungsexplosion des Homo Sapiens ist bisher ein Geheimnis geblieben. Aber die Forscher Michael Petraglia von der Universität Cambridge in England und Ravi Korisettar von der Universität Karnatak im indischen Dharwad haben eine Theorie: Das Wachstum fällt zusammen mit dem plötzlichen Auftreten von Feuersteingeräten im örtlichen archäologischen Boden: äußerst qualitätvolle 3,81 Zentimeter lange Steinklingen. Diese Klingen können erneuert und häufig für eine Wiederverwendung umgearbeitet werden. Das ist eine Neuerung, die den Jagderfolg erhöhte. Die Leute aßen mehr: und vermehrten sich.
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Die ersten nicht steinernen Klingen waren aus reinem Kupfer. Danach aus Bronze.
Das Gilgamesch-Epos stammt aus der Bronzezeit. Es war vor über 4000 Jahren auf Tontafeln geschrieben worden. Er erzählt, wie König Gilgamesch auf der Jagd nach Ruhm, gegen Huwawa kämpft, einen Dämon, der die Heimat der Götter bewacht: den Zedernwald im Libanon. Huwawa wird besiegt. Er kniet und bittet um sein Leben. Aber angestachelt von seinem Gefährten, dem wilden Mann Enkidu, zeigt König Gilgamesch kein Erbarmen. Er schlägt Huwawa den Kopf ab. Dann wenden Gilgamesch und Enkidu ihre Metallklingen gegen die Natur. Sie fällen den heiligen Wald.
Bevor Huwawa stirbt, verflucht er Enkidu: „Von euch zwei'n soll Enkidu nicht länger leben, soll Enkidu nicht Frieden finden in der Welt!“
* * *
Die einfachsten jemals erfundenen Schneidewerkzeuge, die nach ihrem Fundort in der tansanischen Olduvai-Schlucht benannt sind, wurden 700.000 Jahre verwendet. Dann, vor etwa 1,7 Millionen Jahren, geschah etwas Seltsames. Eine viel ausgefeiltere und höher entwickelte Werkzeugkultur brach in den Horizont der Artefakte. Sie heißt nach ihrem französischen Fundort „Acheuléen“ und ist leicht zu erkennen an ihren wunderschönen tränenförmigen Faustkeilen. Sie prägte den menschlichen Schöpfergeist für erstaunliche eine Million Jahre.
Experten haben solche technischen Fortschritte immer mit wachsenden geistigen Fähigkeiten unserer frühmenschlichen Vorfahren in Verbindung gebracht.
Aber verbesserten die Hominiden lediglich Klingen? Oder „verbesserte“ der Akt des Klingen-Herstellens in Wirklichkeit die Menschheit?
Eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern, Psychologen, Evolutionsbiologen und Archäologen, führten vor Kurzem an der Universität von Kalifornien ein großes Praxisexperiment zur Steinwerkzeugherstellung durch. Dazu hatten sie 180 Studenten angestellt. Sogar für die Herstellung der gröbsten Werkzeuge sind ausgeklügelte Methoden erforderlich. Die Wissenschaftler teilten die Studenten, allesamt Neulinge in der Steinbearbeitung, in verschiedene Gruppen ein und betrauten sie mit der Weitergabe der Bearbeitungstechniken. Eine sorgfältige Analyse der von den Studenten erlernten Fertigkeiten wies darauf hin, dass die Werkzeugherstellung vielleicht die Entwicklung der menschlichen Sprache vorangetrieben hatte. Menschen machen Werkzeuge. Und Werkzeuge machen Menschen.
„Unsere Forschungsergebnisse legen nahe, dass Steinwerkzeuge nicht nur ein Erzeugnis der menschlichen Evolution waren, sondern sie auch tatsächlich vorantrieben, dass sie einen evolutionären Vorteil erzeugten, der wesentlich war für die Entwicklung von moderner menschlicher Sprache und Lehrfähigkeit“, sagt Thomas Morgan, der Forschungsleiter an der Universität von Kalifornien in Berkley: „Um die Acheuléen-Technologie aufrechtzuerhalten, musste eine Art von Unterweisen fortbestehen, und vielleicht sogar eine Art von Sprache, wenn auch nur eine einfache Protosprache.“
Vielleicht waren unter den ersten Wörtern, die jemals auf dem Planeten Erde gesprochen wurden, Anweisungen zum Schärfen einer Steinkante: „Schlag hier, schlag dort, ja, nein.“
* * *
Wir sind im Canyon.
Der Archäologe Kubatbek Tabaldjev schlägt Steinklingen heraus. So auch Sergej Gnezdilov.
Gnezdilov ist mein Mitwanderer in Kirgisistan. Er ist mit uns zu dem alten Werkstattplatz gezogen. Er ist ein humorvoller Bergsteiger. Er kauert sich hin und schlägt Stein um Stein ab: mit all der Stärke und Präzision eines Mannes,
der Kletterhaken in eine Bergwand eintreibt. Er prüft die Kraft von jedem Schlag. Er verändert die Einschlagwinkel.
Wer hat das nicht mit Felsbrocken gemacht und sogar wie ein Kind gespielt? Es ist unwiderstehlich. Seltsam zufriedenstellend.
Und der Klang ist sehr, sehr alt.
Tock! Tock! Tock!
Die Einschläge hallen von den Schluchtwänden wider. Ich schaue hinunter ins Tal. Ich lausche. Das Tal bleibt leer.
„Endlich Erfolg“, hör' ich Gnezdilov sagen, „meine Hände bluten.“
