Kleine Gruppen von Steinzeitmenschen verließen Afrika – so erzählen es uns die Wissenschaftler – erstmals vor ungefähr 100.000 Jahren und sie begannen die wilde Welt zu erforschen.
Kinder waren Teil dieser epischen Reise.
Vergessen Sie Marco Polo. Oder Columbus. Oder Lewis und Clark. Oder sonstige "berühmte" Entdecker: Sie alle waren Neuankömmlinge. Denn Kinder waren stets zuerst da, an jedem unentdeckten Fleckchen auf der Karte. Kinder waren zuerst in Asien, in Amerika und sie waren auch vor dem Louisiana-Kauf da, vor Tausenden von Jahren trotteten sie zu Fuß neben ihren Jäger-und Sammler-Eltern daher. Kinder haben schon immer an der ursprünglichen Entdeckung der Welt teilgenommen.
Daran muss ich denken, während ich die leeren, vom Wind geharkten Plateaus des Pamir-Gebirges in Tadschikistan hinter mir lasse, auf dem Weg zu den verschneiten, gezähnten Gipfeln der Hindu Kush, einer Gebirgskette, die sich schützend an der Grenze zu Afghanistan auftürmt. Abdullah Osmonov zeigt mir den Weg, indem er meinen Lastesel mit sich zieht. Abdullah ist neun. Er marschiert in Plastiksandalen über den kalten Wüstenkies. Sein Vater, das Haupt eines kleinen Dorfes kirgisischer Schäfer, hat dem Jungen erlaubt, ein paar Kilometer neben unserem Karavan herzulaufen, einfach aus Spaß. Abdullah plaudert mit dem Esel. Er singt Teile eines Liedes. Er tanzt und er stampft. Er hat unsere Arbeit in ein Spiel verwandelt.
Kids greet the author on his trek through eastern Turkey.
Paul Salopek
So muss es schon immer gewesen sein.
Ich bewandere die ganze Welt. Ich bin auf den verblassten Spuren unserer Vorfahren unterwegs, die diesen Planeten zu unserem gemacht haben. Und heute, wo auch immer ich bin, sind es oft die Kinder, die mir zuerst zujubeln. In der Türkei winken sie mir von Feldern reifen Weizens aus zu. In Georgien grinsen sie mir von den Hauseingängen in einem Dorf zu. Oder sie rufen Hallo von einem vorbeifahrenden Bus in Palästina. Einmal bewarfen mich zwei Jungen mit Steinen von der Kuppe eines Hügels im Jordan. Es war ein Spiel. Ich war so weit weg, ich hätte genauso gut gar kein Mensch sein können. Doch überaschend häufig – in einer Zeit der Angst und Furcht vor Fremden – begleiten mich Kinder durch ihre kleine, rege Welt, ihre staubigen Straßen entlang oder über ihre saftig grünen Tierweiden und halten dabei meine baumelnde Hand.
Die Erwachsenen? Sie erstarren einen Moment. Ihr Gehirn arbeitet wie wild. Einen Wimpernschlag lang halten sie inne, um unsere Begegnung nach möglichen Gefahren zu untersuchen, nach möglichen Konsequenzen, nach Peinlichkeiten, bevor sie eine Begrüßung hervorbringen. Doch die Kinder – ihre Augen brennen vor Neugierde. Sie vibrieren vor Fragen. Wer hat als Kind nicht davon geträumt, von Zuhause wegzugehen? Bis in den entferntesten Winkel der Welt? Bis zum Rand, an dem die Meere hinabstürzen? Kinder erinnern sich. Kinder verstehen.
Wir alle stammen aus Afrika, dem Mutterkontinent.
Der Wissenschaftler Spencer Wells versucht in seinem Buch über die uralten Migrationen der Menschen, das den Titel Die Wege der Menschheit – Eine Reise auf den Spuren der genetischen Evolution trägt, sich jene afrikanischen Eltern vorzustellen, die vor etwa 150.000 Jahren das erste Kind gebaren, das merklich "Mensch" war. Das heißt, er beschwört die erstaunliche Neuartigkeit des ersten Steinzeit-Babys hervor, das Ergebnis eines reinen, genetischen Zufalls, das mit all den Fähigkeiten, die wir heute mit unserer cleveren Spezies assoziieren, versehen war:
"Obwohl er ein starkes und gesundes Kind ist, machen wir uns Sorgen um ihn, weil er so anders ist als die anderen Kinder. Zum einen hat er schon sprechen gelernt – im Alter von zwei Jahren – während die anderen Kinder das erst tun, wenn sie drei sind. Er scheint auch in anderen Sachen besser zu sein als andere Kinder der Sippe und er spielt gern Spiele mit kleinen Steinen, die im Zeltlager verteilt herumliegen ... Am komischsten ist allerdings, dass er angefangen hat, Bilder in den Staub zu malen, die den Tieren ähneln, die du zurück ins Lager bringst."
Neugierde. Vorstellungskraft. Spiel. Diese Dinge haben uns die Welt eröffnet.
A Turkmen mother and daughter at a refugee camp in Turkey.
Paul Salopek
Natürlich wollen alle Kinder lernen. (Das beste Geschenk, das man jungen Menschen in den weniger privilegierten Gegenden der Welt machen kann: ein Stift zum Schreiben oder Malen.) Aber wir vergessen, dass Kinder auch uns etwas beibringen können. Das traf besonders auf mich zu, als ich durch ländliche Landschaften strich, wo Kinder noch immer an der Seite ihrer Eltern arbeiten. Wo Familien als Team überleben. Jene Orte, an denen die Weisheit nicht nur aus einem Klassenzimmer stammt sondern auch aus den Lektionen, die Mutter Natur einem bietet, und von verhärteten Händen.
Ein Junge in Äthiopien hat mir beigebracht, wie man ein Teeblatt zu einem Becher rollt, wie man anmutig kleine Schlückchen aus einem Strom trinkt. Ein Mädchen aus Kasachstan hat mir gezeigt, wie man die Beine eines Pferdes verknotet, um das Tier davon abzuhalten, zu weit vom Zeltlager abzuschweifen. Und ein Kleinkind in Khiva, einer antiken Stadt entlang der Seidenstraße in Usbekistan, gab mir eine Unterrichtsstunde in königlichen Manieren: Ganz ernst stand es da, an einer uralten Straßenecke, selbstbewusst, speckbäuchig und nackt, so wie es am Tag seiner Geburt gewesen war, mit der rechten Hand zu einer wagemutigen Begrüßung ausgestreckt: ein gastfreundlicher König, ein Pascha, ein Khan.
Während ich die Welt bewandere, denke ich an die Kinder, die den Weg vor mir bereitet haben.
An den energiegeladenen Abdullah Osmonov, meinen jungen Eselhirten im hochgelegenen Pamir in Zentralasien. Wenn er groß ist, möchte er Pilot werden, sagt er, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass er noch nie ein Flugzeug gesehen hat.
Und an einen Jungen, den ich vor vielen Jahren kennengelernt habe – lange vor dieser gemächlichen Reise – als ich mich auf dem Rücken eines Maultiers im schluchtenreichen Canyon Nordmexikos verirrt hatte.
Ich ritt zu einer Hütte in dieser zerwühlten Wildnis und fragte nach dem Weg. Und der Vater, ein einheimischer Hirte aus der ethnischen Volksgruppe der Cora, sagte leise zu seinem Sohn, er solle einen Esel aufsatteln und mich zu einer nahegelegenen Stadt bringen. Unser gemeinsamer Ritt dauerte zwei Tage und Nächte. Die Strecke war eine Verkettung rostfarbener Klippen und kochender, weißer Flüsse. Wir legten vielleicht gerade mal 65 Kilometer zurück. Auf dem Weg erzählte ich dem Jungen schlechte Witze. Er lachte jedes Mal noch vor der Pointe. Und als wir endlich die Stadt erreichten und nachdem ich ihn bezahlt hatte, lehnte er stillschweigend meinen Vorschlag ab, ihm eine Kugel Eis zu spendieren, und tippte nur zu einem höflichen Aufwiedersehen mit dem Daumen gegen seine Hundkrempe und drehte seinen Esel herum.
Ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern. Ich entsinne mich, dass ich mir gewünscht hatte, wie er zu sein. Er war der Herr seiner Welt. Er war acht Jahre alt.
A Turkmen mother and daughter at a refugee camp in Turkey.
Paul Salopek
Natürlich wollen alle Kinder lernen. (Das beste Geschenk, das man jungen Menschen in den weniger privilegierten Gegenden der Welt machen kann: ein Stift zum Schreiben oder Malen.) Aber wir vergessen, dass Kinder auch uns etwas beibringen können. Das traf besonders auf mich zu, als ich durch ländliche Landschaften strich, wo Kinder noch immer an der Seite ihrer Eltern arbeiten. Wo Familien als Team überleben. Jene Orte, an denen die Weisheit nicht nur aus einem Klassenzimmer stammt sondern auch aus den Lektionen, die Mutter Natur einem bietet, und von verhärteten Händen.
Ein Junge in Äthiopien hat mir beigebracht, wie man ein Teeblatt zu einem Becher rollt, wie man anmutig kleine Schlückchen aus einem Strom trinkt. Ein Mädchen aus Kasachstan hat mir gezeigt, wie man die Beine eines Pferdes verknotet, um das Tier davon abzuhalten, zu weit vom Zeltlager abzuschweifen. Und ein Kleinkind in Khiva, einer antiken Stadt entlang der Seidenstraße in Usbekistan, gab mir eine Unterrichtsstunde in königlichen Manieren: Ganz ernst stand es da, an einer uralten Straßenecke, selbstbewusst, speckbäuchig und nackt, so wie es am Tag seiner Geburt gewesen war, mit der rechten Hand zu einer wagemutigen Begrüßung ausgestreckt: ein gastfreundlicher König, ein Pascha, ein Khan.
Während ich die Welt bewandere, denke ich an die Kinder, die den Weg vor mir bereitet haben.
An den energiegeladenen Abdullah Osmonov, meinen jungen Eselhirten im hochgelegenen Pamir in Zentralasien. Wenn er groß ist, möchte er Pilot werden, sagt er, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass er noch nie ein Flugzeug gesehen hat.
Und an einen Jungen, den ich vor vielen Jahren kennengelernt habe – lange vor dieser gemächlichen Reise – als ich mich auf dem Rücken eines Maultiers im schluchtenreichen Canyon Nordmexikos verirrt hatte.
Ich ritt zu einer Hütte in dieser zerwühlten Wildnis und fragte nach dem Weg. Und der Vater, ein einheimischer Hirte aus der ethnischen Volksgruppe der Cora, sagte leise zu seinem Sohn, er solle einen Esel aufsatteln und mich zu einer nahegelegenen Stadt bringen. Unser gemeinsamer Ritt dauerte zwei Tage und Nächte. Die Strecke war eine Verkettung rostfarbener Klippen und kochender, weißer Flüsse. Wir legten vielleicht gerade mal 65 Kilometer zurück. Auf dem Weg erzählte ich dem Jungen schlechte Witze. Er lachte jedes Mal noch vor der Pointe. Und als wir endlich die Stadt erreichten und nachdem ich ihn bezahlt hatte, lehnte er stillschweigend meinen Vorschlag ab, ihm eine Kugel Eis zu spendieren, und tippte nur zu einem höflichen Aufwiedersehen mit dem Daumen gegen seine Hundkrempe und drehte seinen Esel herum.
Ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern. Ich entsinne mich, dass ich mir gewünscht hatte, wie er zu sein. Er war der Herr seiner Welt. Er war acht Jahre alt.
